Mit Hermann Hesse durch den Sommerwald – Gedichte und Betrachtungen über Bäume. Im Rahmen des Interreg-Projekts „Grenzenlos Nachhaltigkeit lernen“ hatte Meike Krebs-Fehrmann, Bildungsreferentin der UNESCO Biosphärenregion Berchtesgadener Land und Vorsitzende des Vereins „Chiemgau-Autoren e.V.“, zu diesem besonderen literarischen Streifzug eingeladen.
„Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.“ Mit diesem Zitat von Hermann Hesse im Hinterkopf fand sich Mitte September eine Gruppe Interessierter auf dem Parkplatz des Waldkindergartens Thumberg bei Oberteisendorf ein, um bei einem Spaziergang durch den angrenzenden Wald, Gedichte und Betrachtungen über Bäume des berühmten Literaturnobelpreisträgers zu hören. Im Rahmen des Interreg-Projekts „Grenzenlos Nachhaltigkeit lernen“ hatte Meike Krebs-Fehrmann, Bildungsreferentin der UNESCO Biosphärenregion Berchtesgadener Land und Vorsitzende des Vereins „Chiemgau-Autoren e.V.“, zu diesem besonderen literarischen Streifzug eingeladen. Im Kern ging es um die Frage, wie sich der besorgniserregende Verlust der ökologischen Vielfalt, den wir auch im Berchtesgadener Land seit einigen Jahren verstärkt beobachten können, auf die kulturelle Vielfalt und im Speziellen auf das literarische Schaffen auswirkt.
In der Umgebung des Waldkindergartens kann man Plätze erkennen, an denen die Kinder besonders gerne spielen. So wurden die Texte von Hesse über Kinder, die staunend die Natur entdecken, besonders lebendig. Eingebettet wurden die Texte in die zeitgeschichtlichen Hintergründe, in denen sie damals entstanden sind. Bei einer umgestürzten Fichte, deren Wurzelwerk sich aus dem Boden gehoben hatte, wurden beispielsweise die folgenden beiden Texte gelesen: Ein Text von kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, in dem Hermann Hesse sehr optimistisch darüber schrieb, wie er voller Elan einen neuen Baum pflanzte und im Gegensatz dazu ein Text, der zum Ende des Krieges entstanden ist, in dem er sich voll Pessimismus und Lähmung nicht entschließen konnte, einen umgestürzten Baum zu ersetzen und „dem gefräßigen Tode eine neue Beute heranzuzüchten“. Die Teilnehmenden bekamen außerdem Gelegenheit, Bäume in den Texten von Hesse zu erkennen und mit allen Sinnen zu erleben. Durch genaues Beobachten und Ertasten der Rinden und Blätter konnten die Unterschiede der Baumarten leicht erkannt und charakterisiert werden.
Anhand von Gedichten und Zitaten aus Prosatexten (z.B. „Demian“ oder „Siddharta“) von Hermann Hesse wurde klar, dass die Natur immer auch Projektionsfläche für seelische Befindlichkeit ist. Die Sehnsucht nach Sinn und Lebendigkeit kann in der Natur ebenso wie Trauer und das ewige Rad von Leben, Sterben und Wiedergeburt gefunden und literarisch umgesetzt werden. Wer mochte, durfte am Ende des Spaziergangs selbst schriftstellerisch tätig werden und ein Sommerwaldgedicht verfassen.
Die nächste Veranstaltung des Interreg-Projekts „Grenzenlos Nachhaltigkeit lernen“ findet am Freitag, 12.10.2018 um 14:30 Uhr statt und führt unter dem Titel „Im Herbstwald – Mit Schnitzwerkstatt für Räubertöchter- und söhne“ in den Wald bei Marzoll.
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